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Prävention bedeutet, Menschen frühzeitig zu stärken
Von der Krisenintervention zur Prävention: Alma Lamay erzählt über ihr berufsbegleitendes Masterstudium Soziale Arbeit und warum die eigene Erfahrung selbstbewusst im Studium eingebracht werden soll.
21/10/2026
Alma Lamay hat den berufsbegleitenden Master Soziale Arbeit – Diagnostik, Beratung und Intervention an der Hochschule München absolviert. Heute arbeitet sie in der Prävention psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen. Im Interview mit dem Weiterbildungszentrum erzählt sie, wie das berufsbegleitende Studium ihre Arbeit bereichert hat.
Alma, was machst du aktuell beruflich?
Ich arbeite bei einer Mental Health-Initiative, die sich für die psychische Gesundheit von Jugendlichen an Schulen einsetzt. Dort bin ich als Projektleitung vor allem für die Koordination eines Präventionsprogramms zuständig.
Mit dem Programm gehen wir in Schulklassen, überwiegend in den Jahrgangsstufen sieben bis zehn. Die Jugendlichen beschäftigen sich über mehrere Termine hinweg mit psychischer Gesundheit, unterschiedlichen Reaktionsmöglichkeiten in schwierigen Situationen und bestehenden Hilfsangeboten. Dabei geht es nicht nur um Wissensvermittlung. Wir möchten einen sicheren Raum schaffen, in dem Jugendliche ihre Perspektiven einbringen, miteinander diskutieren und voneinander lernen können.
Ein wichtiger Bestandteil ist außerdem, das Hilfesuchverhalten zu stärken. Die Jugendlichen sollen wissen, dass es Anlaufstellen gibt und dass sie Unterstützung in Anspruch nehmen dürfen.
Zuvor hast du in der Krisenintervention gearbeitet. Weshalb hast du dich stärker in Richtung Prävention orientiert?
Die Arbeit in der Krisenintervention hat mir sehr viel bedeutet und auch viel Freude gemacht. Sie war zugleich sehr fordernd. Im Mittelpunkt stand naturgemäß immer die Reaktion auf eine bereits eingetretene Krise.
Dadurch wurde für mich die Frage immer wichtiger, was wir früher tun können: Wie können wir Menschen stärken, bevor sich Situationen zuspitzen? Welche Kenntnisse und Handlungsmöglichkeiten können wir ihnen vermitteln, damit sie in belastenden Situationen selbst auf Ressourcen zurückgreifen können?
Die Präventionsarbeit ermöglicht mir, genau an diesem Punkt anzusetzen. Gleichzeitig gewinne ich dadurch noch einmal eine andere Perspektive auf soziale und psychosoziale Arbeit. Ich sehe allerdings auch, wie schwierig die Rahmenbedingungen gerade im Bereich der Finanzierung sein können – obwohl Prävention gesellschaftlich so wesentlich ist.
Welche Bedeutung hatte das Masterstudium für deine berufliche Entwicklung?
Das Studium war für mich eine sehr bereichernde Zeit. Ich konnte viele Inhalte direkt in meine damalige Fallarbeit übertragen und umgekehrt meine beruflichen Erfahrungen in das Studium einbringen und dort reflektieren.
Gerade diese Verbindung zwischen Theorie und Praxis war für mich besonders wertvoll. Ich hatte zuvor bereits an einer Universität studiert und viele Inhalte dort als deutlich theoretischer erlebt. Im Masterstudium an der Hochschule München waren die Bezüge zur beruflichen Praxis wesentlich unmittelbarer. Auch viele Lehrende brachten eigene Praxiserfahrungen mit.
Das hat mir gezeigt, welchen besonderen Wert eine Hochschule für angewandte Wissenschaften haben kann.
Welche Studieninhalte helfen dir bis heute?
Besonders hilfreich waren für mich die anwendungsorientierten Inhalte: Gesprächsführung, Fallanalyse, die Arbeit mit Klientinnen und Klienten sowie einzelne methodische Ansätze.
Auch die Beschäftigung mit diagnostischen Fragestellungen ist mir in Erinnerung geblieben. Dabei ging es nicht nur darum, theoretische Kenntnisse zu erwerben, sondern Fälle differenziert wahrzunehmen und das eigene professionelle Handeln zu reflektieren.
Diese Kombination aus konkretem Handwerkszeug und wissenschaftlicher Reflexion konnte ich in meiner damaligen Arbeit unmittelbar nutzen.
Was hast du an der Lernkultur im Studiengang besonders geschätzt?
Ich hatte das Gefühl, dass wir als berufserfahrene Fachkräfte ernst genommen wurden. Wir wurden nicht ausschließlich als Studierende betrachtet, denen erst einmal Wissen vermittelt werden muss. Unsere bisherigen Kenntnisse und Erfahrungen waren ausdrücklich willkommen.
Auch die Diskussionen innerhalb der Gruppe wurden sehr wertgeschätzt. Ich war häufig beeindruckt davon, wie viel Wissen, berufliche Erfahrung und sprachliche Präzision meine Mitstudierenden mitbrachten.
Diese Haltung der Lehrenden war für mich zentral. Wenn vorhandene Kompetenzen gesehen werden, entstehen Lernbereitschaft und die Offenheit, sich gemeinsam weiterzuentwickeln.
Das Studium musste parallel zum Beruf bewältigt werden. Was hat dir bei der Organisation geholfen?
Ich kann mich grundsätzlich gut strukturieren. Trotzdem war es wichtig, mir einen konkreten Plan zu machen und Zeiten für das Studium verbindlich zu blockieren.
Wer nebenbei arbeitet, hat häufig nur begrenzte Zeitfenster. Deshalb würde ich empfehlen, nicht darauf zu warten, bis sich irgendwann eine passende Gelegenheit ergibt. Die Arbeitszeiten für das Studium sollten möglichst fest eingeplant und konsequent geschützt werden.
Manchen hilft es auch, sich mit anderen zum Arbeiten zu verabreden. Solche gemeinsamen Lerntreffen können motivieren und Verbindlichkeit schaffen. Hilfreich kann außerdem ein Wechsel des Ortes sein – beispielsweise bewusst an der Hochschule oder in einer Bibliothek zu arbeiten, anstatt Studium, Beruf und Erholung dauerhaft am gleichen Ort stattfinden zu lassen.
Gab es auch Phasen, die du als schwierig erlebt hast?
Die Masterarbeit war eine intensive und teilweise belastende Zeit. Inhaltlich hatte ich viel Freiheit, zugleich hätte ich mir an manchen Stellen mehr Orientierung und regelmäßigere Rückmeldungen gewünscht.
Die größte Unsicherheit bestand für mich weniger darin, die Arbeit organisatorisch zu bewältigen. Schwieriger war die Frage, ob ich mich inhaltlich auf dem richtigen Weg befand. Ich hatte zeitweise keinen verlässlichen Maßstab dafür, ob mein Vorgehen und meine Schwerpunktsetzung passten.
Am Ende ist die Arbeit sehr gut gelungen. Rückblickend sehe ich aber, wie wichtig eine transparente Betreuung und klare Kommunikation gerade für berufsbegleitend Studierende sein können.
Deine Masterarbeit beschäftigte sich mit Körpersignalen als Ressourcen. Hättest du dieses Thema gerne wissenschaftlich weiterverfolgt?
Ja, grundsätzlich schon. Ich hätte mir vorstellen können, das Thema weiter zu vertiefen und später vielleicht auch in Forschung oder Lehre tätig zu sein.
Allerdings erschien mir dieser Weg sehr unsicher. Für Menschen, die nicht über größere finanzielle Rücklagen verfügen, ist eine wissenschaftliche Weiterqualifikation über mehrere Jahre nur schwer planbar. Häufig fehlen verlässliche Strukturen und ein klarer Wegweiser.
Es wird viel über den Bedarf an wissenschaftlichem Nachwuchs gesprochen. Gleichzeitig müsste es Menschen, die Interesse, Motivation und praktische Erfahrung mitbringen, leichter gemacht werden, diesen Weg tatsächlich einzuschlagen.
In welche Richtung möchtest du dich künftig weiterentwickeln?
Ich bilde mich derzeit im Bereich Kunsttherapie weiter. Langfristig kann ich mir vorstellen, meine bisherigen Erfahrungen mit kunsttherapeutischen Ansätzen zu verbinden.
Mich interessiert besonders die Verbindung von evidenzbasiertem Arbeiten mit einem Raum, in dem Menschen zunächst so sein dürfen, wie sie sind. Kunst kann einen Zugang zu Erfahrungen und Empfindungen ermöglichen, die sich mit rein sprachbasierten oder kognitiven Methoden nicht immer unmittelbar ausdrücken lassen.
Gleichzeitig merke ich, dass mir die direkte Fallarbeit weiterhin wichtig ist. Im Moment ist die Tätigkeit in der Prävention für mich genau richtig. Langfristig möchte ich aber wahrscheinlich wieder stärker mit einzelnen Menschen arbeiten und dabei unterschiedliche Zugänge miteinander verbinden.
Für wen würdest du den Studiengang empfehlen?
Für Menschen, die ein tieferes Interesse an einer praxisnahen sozialen Arbeit haben und sich insbesondere im Beratungsbereich weiterentwickeln möchten.
Der Studiengang passt aus meiner Sicht besonders zu Fachkräften, die ihre praktische Erfahrung wissenschaftlich reflektieren und sich vertieft mit psychologischen Inhalten, Gesprächsführung und Fallarbeit auseinandersetzen möchten.
Berufserfahrung ist dabei kein Nebenaspekt, sondern eine wichtige Ressource. Gerade aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher professioneller Perspektiven entsteht ein großer Teil des Mehrwerts.
Was sollte das Studium aus deiner Sicht künftig noch stärker aufgreifen?
Prävention sollte noch stärker in den Mittelpunkt rücken. Viele soziale und psychosoziale Arbeitsfelder sind darauf ausgerichtet, auf bereits entstandene Krisen zu reagieren.
Wir sollten uns jedoch ebenso intensiv mit der Frage beschäftigen, wo wir früher ansetzen können: Wie lassen sich Menschen, Familien oder Institutionen stärken, bevor Probleme eskalieren? Welche strukturellen Bedingungen sind dafür notwendig?
Es geht nicht nur darum, entstandene Brände zu löschen. Ebenso wichtig ist es, dazu beizutragen, dass sie möglichst gar nicht erst entstehen.